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Kaltes Land Ukraine

Von Reinhard Lauterbach

Noch halten sich die Temperaturen in Kiew knapp über dem Gefrierpunkt. Aber für die nächste Woche sind die ersten Nachtfröste angesagt. Besonders unangenehm wird das für die Bewohner jenes Fünftels der Kiewer Wohnhäuser, in denen immer noch nicht die Zentralheizung angestellt worden ist. Und dies, obwohl die Heizsaison offiziell am 16. Oktober hätte beginnen sollen. Auch die Bewohner jener Wohnblocks, in denen die Heizung bereits läuft, müssen sich warm anziehen. Ein regierungstreuer Abgeordneter vertrat dieser Tage die Auffassung, zwölf Grad Celsius Raumtemperatur seien völlig ausreichend. Denn die Kohlevorräte im Land lägen nur bei der Hälfte dessen, was für den normalen Betrieb der Heizkraftwerke erforderlich wäre.

Der Grund für die niedrigen Innentemperaturen ist banal: Die Ukraine will und muss sparen. Die Kraftwerkskohle aus dem Donbass unterliegt einem offiziellen Embargo. Das lässt sich zwar gegen entsprechendes Schmiergeld an einen Bataillonskommandeur an der Front unterlaufen, der dafür einen Kohlenzug durchwinkt. Aber das erhöht natürlich die Kosten für Strom und Wärme weiter. Beim Gas hat sich die Ukraine zwar nach eigenen Angaben im technischen Sinne von direkten russischen Lieferungen abgekoppelt. Jedoch dasselbe russische Gas bezieht sie jetzt aus »Umkehrstrom«-Lieferungen: Es wird erst in die westlichen Nachbarländer geleitet und dann aus Polen, Ungarn und der Slowakei zurückgepumpt. Und die westeuropäischen Lieferanten, darunter die deutsche RWE, bestehen auf Bezahlung. So kommt es, dass derzeit in den ukrainischen Gasspeichern nur knapp 15 Milliarden Kubikmeter eingelagert sind. Im letzten, vergleichsweise milden, Winter hatte das Land 17 Milliarden verbraucht. Sollte die kommende Saison kälter werden, wird es eng. Jeder Tag verzögerter Inbetriebnahme der Heizung spart der Regierung bares Geld. In der südukrainischen Hafenstadt Mikolajiw (Nikolajew) zogen die örtlichen Behörden die Konsequenz und schlossen bis zum Dezember Schulen und Kindergärten, um sie nicht beheizen zu müssen.

In ihrer Not greifen die Ukrainer zu Ersatzlösungen. Trotz allgemeiner Konsumkrise boomt der Verkauf kleiner elektrischer Heizlüfter. Das ist zwar von allen Möglichkeiten die am wenigsten energieeffiziente und droht zudem, das Leitungsnetz zu überlasten. Aber die individuelle Stromrechnung kann man ja zur Not schuldig bleiben. Noch sind längst nicht alle Wohnungen mit Einzelstromzählern ausgestattet, und das kollektive Abschalten ganzer Wohnblocks haben die Behörden bisher stets vermieden. Statt dessen bieten sie an, die Heizungsrechnungen auf Raten zu bezahlen.

Viele ziehen es angesichts dessen vor, sich von der zentralen Wärmeversorgung abzukoppeln. Wer noch einen traditionellen Ofen hat, reaktiviert ihn. Im Zusammenhang damit hat der Holzdiebstahl zugenommen. Vor allem in der Provinz fällen die Leute an den Straßen und in den Stadtparks die Bäume; auch Feuerholz aus der Sperrzone bei der Ruine des Atomkraftwerks Tschernobyl findet rege Nachfrage. Das zuständige Forstamt meldete einen Einschlag von 1,36 Millionen Festmetern allein in der laufenden Saison.

Vor die Wahl gestellt, zu hungern oder zu frieren, sparen die Ukrainer auch am Essen. Überall im Land werden am Straßenrand abgelaufene Lebensmittel für billiges Geld verkauft. Vor allem Rentner stellen ihre Ernährung auf sauer gewordene Milch und Würstchen jenseits des Haltbarkeitsdatums um. Die Lebensmittelwirtschaft meldet entsprechend einen absoluten Verkaufsrückgang bei fast allen Produkten, stabil geblieben sei nur der Absatz von Graupen, Nudeln und Kartoffeln. Gleichzeitig hat die Regierung Anfang Oktober im Rahmen der »Reformen« die bisherige Preisbindung für eine Reihe Grundnahrungsmittel aufgehoben. Angeblich zunächst einmal »versuchsweise«. Kritik daran hat Präsident Petro Poroschenko als »russische hybride Kriegführung« zurückgewiesen.

Natürlich kann man, wenn alles teurer wird, auch versuchen, zusätzliche Einkunftsquellen zu erschließen. In den westukrainischen Wäldern gehen die Leute im Morgengrauen auf die Suche nach Weinbergschnecken, die nach Frankreich und Italien exportiert werden. Im ganzen Land wächst die Zahl der Ukrainerinnen, die bereit sind, sich als Leihmütter zur Verfügung zu stellen. Und eine Nichtregierungsorganisation, die sich um die Belange der Sexarbeiterinnen kümmert, nahm die um sich greifende Armut zum Anlass, ein weiteres Mal die Legalisierung der Prostitution zu fordern. Der Staat müsse doch froh sein, wenn eine Frau sich selbst vermiete, um ihre Miete bezahlen zu können, so das Argument.

Das Unglück der meisten Ukrainer schließt dabei nicht aus, dass einzelne Glücksritter dort das ihre finden. So wurde jetzt der ehemalige polnische Verkehrsminister Slawomir Nowak zum Chef der ukrainischen Straßenbaubehörde ernannt. Nowak, der im eigenen Land wegen seiner Vorliebe für nicht deklarierte Nebeneinkünfte und teure Uhren 2013 politisch ausgemustert wurde, nahm dafür sogar die Staatsbürgerschaft der Ukraine an. Auf seine Weise ist das symptomatisch: In ukrainischen Spitzenämtern sammelt sich die anderswo gescheiterte dritte Garnitur.

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