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Wie viel ist ein Soldat wert?

Die Organisation Schwarze Tulpe birgt in der Ostukraine getötete Soldaten. Der Krieg geht weiter, doch die Freiwilligen müssen nun aufhören. Der Staat hilft nicht.

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Es war ein sonniger Februartag, ein paar Tage vor der offiziellen Waffenruhe, als in der Ostukraine ein Mann, nennen wir ihn Serhij, gerade die letzten Leichensäcke in den Sprinter lud, tote Soldaten oder das, was man von ihnen finden konnte, die Männer waren auf ihrer Flucht über die Felder aus Debalzewe getötet worden. Als wir gerade darüber sprachen, warum er, 30 Jahre alt, Vater zweier kleiner Töchter, sich das antue, diese Arbeit mache, kam die Chefin des Leichenschauhauses mit einem Karton herausgerannt. “Ihr habt was vergessen”, rief sie und reichte Serhij die blutige Schachtel, in der die Stirn eines Soldaten lag. Er lud auch dieses Päckchen in seinen Sprinter mit dem roten Kreuz und der Zahl 200 an der Seite – dem Symbol für Gefallenentransporte. Dann klappte Serhij die Rücktür zu, auf der ein deutscher Aufkleber versprach: “Fachliche Beratung. Solide Handwerksarbeit”. Das Fahrzeug hatten sie dank Spenden bekommen und es zum Leichenwagen umfunktioniert.

Serhij arbeitet als Freiwilliger für die Organisation Schwarze Tulpe, die von Jaroslaw Schilkin, Mitte 40, gegründet wurde. Schilkin hatte seit Jahren nach gefallenen Soldaten beider Weltkriege gesucht – bis Krieg in sein Land kam. Seitdem sammeln sie Gefallene oder ihre Reste auf, damit sie identifiziert werden können. Doch nun muss die Organisation aufhören.

Seit Krieg in der Ostukraine herrscht, übernehmen im ganzen Land Freiwillige Aufgaben, die eigentlich Staatssache sind. Der ukrainische Staat ist schwach oder unfähig, und deshalb sind es gewöhnliche Männer und Frauen, die Geld für Flüchtlinge, für Verwundete und für Soldaten sammeln. Sie sind eine gewaltige Entlastung für den Staat, aber sie werden mit ihren Aufgaben alleingelassen. Schilkin sagt, dass ihre Mittel nach gut einem dreiviertel Jahr aufgebracht seien. Zwei Transportwagen sind kaputt, das Geld ist alle, der Staat tue nichts für sie, klagt er. Die Freiwilligen bekämen keinen besonderen juristischen Status verliehen, sie seien nicht versichert, es gäbe keine Aufwandsentschädigung für ihre Reisen oder das Material, das sie benötigen. 20.000 Euro, schätzt ein im Juni veröffentlichter Bericht des Europarats, kostet die Arbeit der Schwarzen Tulpe monatlich. 400.000 Euro, sagt der Gründer Schilkin, bräuchten sie, um ihre Arbeit bis Anfang 2017 weiterzuführen. Schilkin beklagt, dass er beim Verteidigungsministerium um Hilfe gebeten, aber noch nicht einmal eine Antwort erhalten habe.

Das Besondere an der Organisation ist, dass ihre Arbeit sowohl von der ukrainischen Armee als auch von den Separatisten akzeptiert wird. Die Freiwilligen tun, was niemand sonst tut, Tote bergen, und man lässt sie gewähren. So haben in den vergangenen Monaten 60 Freiwillige 609 Leichensäcke abtransportiert. Die Arbeit ist eine Zumutung: Die Leichen sind oft verwest, von Geschossen zerrissen oder von Tieren zerfressen. Und sie ist gefährlich: Die Freiwilligen überqueren ständig die Front, und noch immer wird gekämpft. Das alles tun diese Menschen freiwillig. Sie bekommen kein Geld oder irgendwelche staatliche Unterstützung, abgesehen von dem Benzin, das ihnen gelegentlich das Verteidigungsministerium stellt. Sie sind die einzige Hoffnung für Angehörige, jemals Gewissheit zu erlangen, ob ihr vermisster Sohn oder Ehemann getötet wurde oder nicht. Diese Hoffnungen sind nun vergeblich.

Auch für Journalisten sind Organisationen wie die Schwarze Tulpe wichtig. Die Freiwilligen sehen, was niemand sonst sieht – und sie können genauer Auskunft geben über die Zahl getöteter Soldaten, als es die ukrainische Regierung könnte oder wollte. Wie viele Leben dieser Krieg in den eigenen Reihen schon gekostet hat, darüber spricht man nicht so gern.

Vielleicht ist das ein Grund für die mangelnde Hilfe für eine Organisation wie die Schwarze Tulpe: Der Staat will es lieber gar nicht allzu genau wissen. Vielleicht ist es Zynismus, erwachsen aus Hilflosigkeit; warum um die Toten kümmern, wenn der Staat nicht einmal für die Lebenden Sorge tragen kann. Im besten Falle ist es Überforderung angesichts leerer Kassen. Doch die Existenz dieser Organisation ist keiner hübscher Bonus, sie ist keine Option, sie ist ein Muss: Der Staat, so eine Recherche der Zeitung Ukrainska Prawda, sieht keine Mittel dafür vor, die Toten zurückzubringen. Nichts. Noch immer werden offiziell 1.330 Menschen vermisst, darunter Entführte, Kriegsgefangene, vor allem aber wohl viele getötete Soldaten – und die eigentliche Zahl dürfte wesentlich höher liegen.

Wenn es keine Organisationen wie die Schwarze Tulpe mehr geben wird, die die Überreste der Toten heimbringt, dann wird sich niemand darum kümmern. Dann werden Angehörige ertragen müssen, niemals die Gewissheit zu haben, was mit ihren Söhnen und Vätern an der Front in der Ostukraine geschehen ist.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-07/ostukraine-krieg-bergung-von-toten-freiwillige

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