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Maidan unter Einfluss

Seit wann braucht die CIA eine Bahnsteigkarte? Oliver Stones Dokumentarfilm über den Putsch im ukrainischen Winter 2013/14

Von Reinhard Lauterbach

Zum dritten Jahrestag des Beginns des »Euromaidan« zeigte der russische Sender REN TV am Montag – als bisher weltweit einziger Sender – Oliver Stones Dokumentarfilm »Ukraine on Fire« (Die Ukraine in Flammen) über die Ereignisse in Kiew, auf der Krim und im Donbass im Winter 2013/14. Vergeblich hatte die Ukraine versucht, die Ausstrahlung zu verhindern, und damit gedroht, Reportern des Senders künftig keine Arbeitsgenehmigung mehr zu erteilen. Der Livestream des Films wurde nach Angaben von REN TV auffallend häufig von Rechnern mit ukrainischen IP-Adressen abgerufen. Offenkundig ist dort ein Bedürfnis nach einer alternativen Sichtweise der Vorgänge des Winters 2013/14 vorhanden, zumal die neuen Machthaber die angekündigte Aufarbeitung der Ereignisse systematisch verschleppen. Die Vermutung liegt nahe, dass sie einiges zu verbergen haben, etwa eine Serie blutiger Provokationen von eigener Seite. Inzwischen ist der Film, der zuvor nur im Frühjahr 2016 auf dem Filmfestival in Taormina gezeigt worden war, auch auf Youtube abrufbar (kurzlink.de/ukrainefilm).

Zentrale Aussage von »Ukraine on Fire« ist die für Leser dieser Zeitung wenig überraschende These, dass es sich bei dem Machtwechsel in Kiew um einen Staatsstreich gehandelt habe, bei dem die CIA – versteckt hinter amerikanischen Stiftungen wie dem National Endowment for Democracy – die Fäden zog. Die EU kommt kaum vor; das entspricht ihrer faktischen Marginalisierung durch die USA in den entscheidenden Tagen, ist aber gleichwohl eine Verkürzung. Plausibel macht Stone seine Auffassung, indem er die im Prinzip geläufige These referiert, der US-Geheimdienst habe sich in den 1980er Jahren entschlossen, Aktivitäten in Richtung Regimewechsel fortan hinter zivilgesellschaftlicher Fassade abzuwickeln. Mit Beweisen tut sich der Regisseur naturgemäß schwer; als Kronzeuge dient ihm der Investigativreporter Robert Parry, der in den 80er Jahren die Iran-Contra-Affäre aufdeckte und derzeit die kritische Internetseite Consortiumnews betreibt. Abgesehen von einordnenden Passagen mit Parry und einer großen Menge an Videomaterial aus zeitgenössischen Quellen stützt sich der Film auf Interviews, die Stone mit dem gestürzten ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, seinem ehemaligen Innenminister Witali Sachartschenko und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin geführt hat.

Aus den Angaben der beiden ukrainischen Politiker geht hervor, dass sie vom Zeitpunkt überrascht worden seien, zu dem die Unruhen in Kiew ausbrachen. Sachartschenko sagt, seine Dienste hätten vor Auseinandersetzungen im Umfeld der für 2015 anstehenden Präsidentschaftswahl gewarnt. Eine einfache Extrapolation der Erfahrungen mit der »orangen Revolution« des Winters 2004/05, für die eine angeblich gefälschte Wahl als Aufhänger diente. Unter dem Strich wird deutlich, dass Janukowitschs Geheimdienste entweder wenig Ahnung von den Aktivitäten der ukrainisch-nationalistischen Opposition hatten oder das subversive Engagement ihrer ausländischen Förderer unterschätzten. Beides passt zu dem Biedermann-Image, um das sich Janukowitsch in dem Film bemüht. Man gewinnt den Eindruck, er habe bis heute nicht ganz verstanden, warum er eigentlich gestürzt wurde.

Das einzig Neue im Film sind Informationen zur Anfangsphase der Proteste, in der die Janukowitsch-Regierung überaus ungeschickt agierte. In der Nacht zum 30. November 2013 ließ sie die Polizei mit Gewalt, letztlich aber inkonsequent gegen die bis dahin überwiegend friedlichen Studentenproteste vorgehen. Wie es dazu kam, kann von Stone nicht abschließend geklärt werden, er bereichert die Debatte aber um eine diskutable Hypothese. Danach war Janukowitschs Kanzleichef Sergej Ljowotschkin für den operativ erfolglosen, in politischer Hinsicht katastrophalen Einsatz verantwortlich. Stone stellt Ljowotschkin anhand einer Serie von Gruppenfotos mit US-Besuchern als Mann »unter Einfluss« seiner »Freunde« aus der Kiewer US-Botschaft dar. Die unausgesprochene These: Der Polizeieinsatz, der einen Radikalisierungsschub auslöste, war eine mit den USA und der Führung des »Euromaidan« abgesprochene Provokation. Noch am selben Abend habe der »Rechte Sektor« sein gewalttätiges Debüt auf dem Maidan gegeben. Die rechten Führer seien offenbar auf die Eskalation vorbereitet gewesen.

Relativ breiten Raum widmet Stone der »Organisation Ukrainischer Nationalisten«, die unter Stepan Bandera und Andrij Melnyk mit den nazideutschen Besatzern kollaborierte. Dabei kommt es zu Ungenauigkeiten und Fehlern im Detail. So wurde das Massaker von Babyn Jar (russisch: Babi Jar) im September 1941 überwiegend von der deutschen »Einsatzgruppe C« verübt, während ukrainische Hilfstruppen hier – anders als in den Kleinstädten der ukrainischen Provinz – mit Abriegelungsaufgaben beschäftigt und am unmittelbaren Morden nur am Rande beteiligt waren. Die ukrainische Freiwilligendivision »SS Galizien« wurde, anders als der Film behauptet, nicht unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch, sondern erst 1943 aufgestellt.

Die größte Schwäche des Films ist sein begriffsloser Legalismus. Wie oft kann man darauf hinweisen, dass der Machtwechsel im Februar 2014 nicht von der ukrainischen Verfassung gedeckt war und das parlamentarische Quorum für eine Absetzung Janukowitschs knapp verfehlt wurde? Wen beeindruckt es wirklich, wenn Putschisten den sprichwörtlichen Bahnhof ohne Bahnsteigkarte besetzen? Wesentlich ist Stones Hinweis, dass Washington dem Putschregime durch sofortige Anerkennung oberflächliche Legitimität verlieh, was jeden, der das Regime anzweifelte, in Opposition zu den USA brachte. Das passt zu deren allgemeiner Politik, internationales Recht durch faktensetzende Machtdemonstrationen auszuhebeln.

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