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Erdogan und Putin: Macho bezwingt Macho

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“Die Taten der türkischen Führung sind ein feindlicher Akt. Mit der türkischen Führung ist eine Einigung unmöglich.”

(Wladimir Putin am 17. Dezember 2015 über den Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei.)

“Russland hat die Türkei als Freund verloren. Wir werden uns nicht jemandes Marotten unterwerfen, wenn es um unsere Unabhängigkeit geht.”

 (Recep Tayyip Erdogan erteilt am 24. Februar 2016 Forderungen nach einer Entschuldigung eine Absage.)

Nein, der türkische Präsident Erdogan wollte sich partout nicht entschuldigen für den Abschuss des russischen Flugzeugs im November. Er hat geschworen, es nicht zu tun, sich nicht “Russlands Marotten zu unterwerfen”, so hatte er es damals genannt.

 

Nun hat er es dennoch getan, in einem Brief an Moskau, kleinlaut.

Um wenigstens ein wenig von dieser krachenden Niederlage abzulenken, verkündete Erdogan am gleichen Tag noch eine zweite außenpolitische Wendung: Die Türkei nimmt wieder diplomatische Beziehungen zu Israel auf, nach sechs Jahren Eiszeit.

Für Russland ist Erdogans Schritt ein Erfolg. Der Kreml hat mehr bekommen, als nur die geforderte Entschuldigung. Moskaus Position im Nahen Osten ist gestärkt. Ankara wird gezwungen sein, Russlands Präsenz in Syrien anzuerkennen. Noch vor wenigen Monaten hatte Erdogan Russlands Militärintervention in Syrien als “Besatzung” verdammt und den Rücktritt des vom Kreml gestützten Präsidenten Baschar al-Assad gefordert.

Die Sanktionen treffen die Türken deutlich härter

Der Kreml hat den stolzen, sturen Erdogan in die Knie gezwungen. Die von Moskau nach dem Abschuss verhängten Sanktionen gegen türkische Produkte haben das Land stärker getroffen, als Ankara zunächst wahrhaben wollte. Ausfuhren nach Russland machen immerhin fast ein halbes Prozent der gesamten türkischen Wirtschaftsleistung aus. Noch bedeutsamer sind die Einnahmen aus dem Tourismus. Vor Ausbruch der Krise reisten pro Jahr rund vier Millionen Russen zum Urlaub in die Türkei, mehr als aus jedem anderen Land. 2016 sind die Buchungen aber um 92 Prozent zurückgegangen.

Dieser Rückgang trifft die Türkei umso härter, weil auch Besucher aus anderen Ländern fernbleiben. Die Zahl deutscher Touristen ist im ersten Halbjahr 2016 um 31,5 Prozent gesunken. Grund dafür sind die vielen schlechten Nachrichten aus der Türkei, die Terroranschläge, die der “Islamische Staat” und kurdische Organisationen in den vergangenen Monaten verübt haben. Aber auch der Zwist um die Armenien-Resolution des deutschen Bundestags und Erdogans wütende Ausfälle gegen deutsche Politiker.

Zuletzt wirkte es so, als gingen dem türkischen Präsidenten die Verbündeten aus. Erdogan hat schon früh versucht, den Dialog mit Moskau wieder aufzunehmen. Beide Länder hatten vor dem Abschuss enger denn je kooperiert, vor allem in Energiefragen. Die Türkei ist nach Deutschland wichtigster Abnehmer für russisches Erdgas, Gazprom hat Pläne für eine Pipeline durch das Schwarze Meer bis zur türkischen Küste, in Akkuju sollte für 20 Milliarden Dollar ein russisches Atomkraftwerk gebaut werden.

Auf dem Flur abgeblitzt

Erdogan bemühte sich deshalb bereits im Dezember um ein informelles Treffen mit Putin. Bei der Weltklimakonferenz in Paris tigerte der türkische Präsident einen Korridor entlang, um den Kreml-Chef abzupassen. Aber der Russe ließ ihn abblitzen.

Auch an anderen Fronten erhöhte der Kreml den Druck. Im Februar durfte die Kurdenpartei PYD in Moskau ein Verbindungsbüro eröffnen. Eine Kurden-Funktionärin beschwor damals die kurdisch-russische Waffenbruderschaft: “Wir werden uns an dem blutrünstigen Mörder Erdogan rächen.” Mitte Mai schossen kurdische Kämpfer einen türkischen Kampfhubschrauber ab, mit einem Luftabwehrgeschütz sowjetischer Bauart.

Auch der neue Premierminister Binali Yildirim müht sich seit seinem Amtsantritt im Mai um ein besseres Verhältnis zu Russland. Vor wenigen Wochen regte er die Einrichtung einer türkisch-russischen Kommission an. Das Gremium solle Auswege aus dem Konflikt der beiden Länder sondieren, sagte er. Aus Moskau kam darauf eine frostige Antwort: “Das bestehende Problem kann keine Kommission lösen. Das kann nur der Führer des Landes”, ließ Putins Sprecher wissen. Gemeint war: Keine Gespräche ohne eine persönliche Entschuldigung Erdogans.

Beobachter in Moskau verbuchen Erdogans Kotau als Erfolg. Putin habe “noch einen glänzenden diplomatischen Sieg errungen”, sagt der Politologe Wladimir Frolow. Am Mittwoch wollen beide Präsidenten zum ersten Mal seit Langem wieder miteinander telefonieren. Das Gespräch – der Hinweis war dem Kreml wichtig – gehe “auf Initiative der russischen Seite” zurück.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-und-tuerkei-recep-tayyip-erdogan-knickt-vor-wladimir-putin-ein-a-1100323.html

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